Montag, 12. Oktober 2015

Mamme

Er war Jude, Antiquar und Schwul, als schwul sein noch ein grosses Tabu war. Kennengelernt habe ich Daniel in den Sechzigerjahren. Er hatte einen recht grossen Antiquitätenladen in einer Kleinstadt in der Französischen Schweiz. Damals begann ich mit Antiquitäten zu  handeln um meine Sammlerleidenschaft auch finanziell zu nutzen, denn  dies erlaubte es mir die Qualität meiner Sammlung zu verbessern ohne Geld zu verlieren. Zum Beispiel habe ich in den ersten Ehejahren fünfmal den Esstisch gewechselt und bei jedem Verkauf so viel verdient, dass am Ende der Tisch den ich noch heute besitze, nichts gekostet hat. Aber nun zurück zu Daniel, er war damals noch jung und eben aus Marokko –wo er eine unglückliche Liebe beendet hatte—in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Im Gepäck hatte er sehr viel schöne alte Töpfereien und sonstiges Kunsthandwerk aus ganz Nordafrika. Vom früh verstorbenen Vater war eine alte Scheune voll „ Ramsch“ da. Allerdings wurde das, was damals als „Ramsch“ bezeichnet wurde schon bald begehrtes Sammelgut. Sein Geschäft war, obwohl in einem modernen Gebäude gelegen, sehr geschmackvoll eingerichtet, was zwar ungewöhnlich in dieser Gegend, aber nicht für einen Homosexuellen Antiquar war, ja so ein Antiquitätengeschäft erwartete man in einem Pariser Nobelquartier und nicht in einem zwölftausend-Seelen Kaff. Da das Preisgefälle zwischen der ländlichen Westschweiz und Zürich sehr gross war, fand ich bei Daniel immer viele gut wiederverkaufbare Stücke. Daniel war, schon in jungen Jahren, recht schrullig. Seine Mutter—sie war damals schon eine ältere Dame—trug als streng gläubige Jüdin immer eine Perücke. Sie war eine echte jüdische Mamme! wie sie in jedem Witzbuch über jüdische Mütter steht. Bis elf und dann bis fünf war sie im Laden, dann ging sie kochen, denn Daniel ass immer zuhause. Seine Mutter wollte nicht, dass er trefe —  also unkoscher— esse, ihm selbst wäre das eigentlich egal gewesen—nur Schweinefleisch liess auch er beiseite— so sagte er; ein Brötchen mit gutem Parmaschinken sah ich ihn hin und wieder ganz im versteckten in einer Messe-Kantine genüsslich kauen. Seine Mamma war also fast immer im Laden, und nachdem Daniel, einer neuen Liebe wegen wieder nach Nordafrika ging, kümmerte sie sich ums Geschäft bis Daniel fand es sei besser den Laden zu schliessen und seine grosse Liebe auszuleben. Jahre später, als auch diese Liebe zerbrochen war, kam Daniel zurück und machte einen neuen Laden, diesmal aber in der Altstadt, auf. Mamme war wieder da, gealtert aber fast unverändert, doch sie war noch etwas dünner, fast schon durchsichtig, geworden. Nun wurden allmählich die Rollen umverteilt. Daniel verliess den Laden, über dem er und seine Mutter eine grosse Wohnung teilten, so gegen elf um zu kochen. Die Mutter sass fast unbeweglich und etwas verloren auf ihrem angestammten, viel zu grossen, Voltaire-Sessel. Kamen Kunden um etwas zu fragen, anzubieten oder einfach zu kaufen klingelte sie und wartete bis Daniel mit umgebundener Küchenschürze die Treppe herunter kam. Daniel war auch schon etwas steifer geworden denn er war sicher schon über sechzig, sein Alter war eins seiner schrulligen Geheimnisse. Daniel war nicht der Meinung, Kunden hätten immer Recht! nein ganz im Gegenteil, wenn ein Kunde seiner Meinung nach ein Objekt falsch bezeichnete oder zeitlich einordnete protestierte er laut. Auch  erinnere ich mich ende der siebziger Jahre, als Mobiltelefone noch ganz neu und dementsprechend selten waren, untersagte er –manchmal auch auf grobe Art—deren Benutzung in seinem Geschäft mit den Worten „raus, hier telefoniere nur ich“ !!   Auf Antiquitätenmessen sah man an seinem, immer gleich geschmackvoll eingerichteten Stand, seine Mutter ,immer kleiner werdend, in ihrem Voltaire-Sessel wie sie vor sich hin döste und nur dann hellwach wurde, wenn einer der ihr bekannten Kunden ihr seine Aufwartung machte.


Und eines Tages, Daniel war etwas früher als üblich zum Kochen gegangen, hatte sich die Mutter doch mal wieder einen Käseauflauf gewünscht, rief er sie ,über das archaische Klingelsystem, zu Tisch. Ja die so gebrechlich wirkende Mutter war mit ihren, wer weiss wie vielen Jahren, noch besser zu Fuss als ihr Sohn Daniel. Keine Antwort, kein Zeichen! Daniel stieg, seiner Arthrose wegen mühsam, so schnell er konnte die Treppe hinab. Mutter sass wie gewöhnlich dösend im Sessel. Als er sie berührte glitt sie ganz langsam zur Seite. Sie war kalt, sehr kalt also musste sie schon seit den frühen Morgenstunden gestorben sein. Abends ass Daniel den leicht angebrannten Käseauflauf.

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