Mittwoch, 30. September 2015

Marina, oder ein verkorktes Leben

 Marina war eine strebsame Schülerin gewesen und dann war sie auch im Lehrerseminar—das sie aus Familientradition besuchte— die Klassenbeste. Trotz ihrer herausragenden Leistungen fand sie immer wieder Zeit um Dozenten und Kommilitonen –nicht nur rein bildlich gesprochen—zur Brust zu nehmen. Ja Marina war sehr an den Männern interessiert. Man sagte ihr schon in der Schulzeit unzählige Liebeleien nach, vielen ihrer Mitschüler war sie wissende Instruktorin auf dem Weg der sexuellen Entdeckungen gewesen. In der Zeit des Studiums hatte sie  einen geradezu enormen Verschleiss an Sexualpartnern. Sie war nicht etwa untreu, denn nie hatte sie behauptet sich mehr als einige möglichst wilde sexuelle Begegnungen nehmen zu wollen. Viele ihrer Kurzzeitpartner verliebten sich aber in diese sehr gut aussehende junge Frau, deren ganz leichter „Silberblick“ also ihr leichter Strabismus ihr einen ganz besonderen Reiz gab. Sie wollte aber nichts Festes, dazu fühlte sie sich viel zu jung und verzichten auf all die anderen wäre  ihr ein Gräuel gewesen. Mit Bestnote absolvierte sie ihr Examen. Sie fand auch sofort eine  Stelle in der begehrtesten Schule der Hauptstadt. Das war für Marina ideal, stammte  sie doch aus einem Dorf wo die Auswahl junger, oder auch nicht so junger, Männer naturgemäss sehr beschränkt war. Sie war in dieser Schule mit Abstand die jüngste und hübscheste, also begehrenswerteste, Kollegin. Schon nach wenigen Monaten hatte sie Affären mit den meisten männlichen Kollegen, sodass deren Gattinnen sich erbost telefonisch oder auch persönlich  bei ihr beschwerten; lassen sie meinen Mann in Ruhe sie : wahlweise Hure, Nutte, Schlampe, Kreatur, Schnepfe……….. Marina antwortete immer ruhig lächeln, sorgen sie dafür, dass ihr Mann nicht anderswo sein Glück suchen muss, ich—das schwöre ich ihnen—zwinge keinen und nehme nur die, die wirklich wollen. Einige Jahre später war Marina mit einem sehr sanften Gymnasiallehrer verheiratet, dies hinderte sie aber nicht ihren, an Obsession  grenzenden, Männerverschleiss fortzuführen. Sie kauften zusammen ein Haus, Marina wohnte aber nur selten und dann lediglich für einige Tage mit ihrem Gatten zusammen, sie brauchte und  hatte eine eigene Wohnung. War ihr Ehemann, so wie er allen Aussenstehenden erschien, homosexuell oder ist dies nur üble Nachrede gewesen? Marina machte immer mehr Politik, Erziehungspolitik. Irgendwann verliess sie das Lehramt und wechselte in die Leitung „Bildungswesen“. Dadurch hatte sie ein ganz neues Jagdrevier, ja viel interessantere  Begegnungen die sie auch schon mal zeitlich ausdehnte, oft wurde sie nun monatelang mit nur einem Partner gesehen. Viele Jahre gingen ins Land, Marina blieb verheiratet, Kinder hatte sie keine und mit ihrem Mann zusammen war sie nur sporadisch, zu Urlauben und Kulturreisen in die grossen Opernhäuser der Welt. Sie hatte immer noch ein sehr jugendlich wirkendes Gesicht, aber ihr Körper war enorm geworden. Nun sah man sie oft abends an der einen oder anderen Hotelbar der Hauptstadt, wie sie nach neuen Bekanntschaften Ausschau hielt und ganz gemächlich mehrere Gläser Cognac schlürfte. Kam man nach dem Kino oder  Theater noch mal kurz an die Bar um ein letztes Glas zu trinken, sass sie meist noch da, allerdings leicht besäuselt und leider immer noch ohne Begleitung.                                                               Ach wie ist doch das Altern manchmal grausam!!!

Samstag, 26. September 2015

Intimität, was ist das?

Er kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als man mit der geliebten Person am Freitag nach der erledigten Arbeit gemeinsam zum Einkaufen ging, man musste sich allerdings beeilen, denn die Geschäfte schlossen um halb sieben. Also war automatisch Hetzerei angesagt. Wenn man dann mit schweren Einkaufstaschen nach Hause kam, fiel man erst mal gierig übereinander her, hatte man doch die ganze Woche gedarbt und sich auf den anderen gefreut, zusammenziehen tat man damals erst nach der Trauung.  Erst später wurde das Eigekaufte in Ruhe in der Küche ausgepackt und verstaut. Apéro und gemeinsames Kochen waren üblich, dann kam meist ein erholsamer Fernsehabend, zum Ausgehen war ja der Samstag da. Einige Jahre später, er war inzwischen verheiratet, Kinder waren gekommen und die gemeinsamen Kuschelstunden fanden immer später statt, erst nach dem Essen und dem –ins Bett bringen—Ritual der Kinder. Alltagssorgen mischten sich in die Intimität, es war einfach anders als früher, weder schlechter noch besser, aber eben anders. Dann kam die Katastrophe, seine Frau hatte sich neuorientiert und er hatte keinen Platz mehr in ihrem Daseins-Planing. Es fiel ihm sehr schwer, sich auch neu zu orientieren war ihm zuwider, er blieb alleine und stürzte sich –statt in eine neue Liebschaft—in die Arbeit, bis ja bis der Körper über den Geist siegte. Depression und Herzrhythmusstörungen brachten ihn in eine—da er viel Geld hatte—Luxusklinik. Er wurde, wie er im Nachhinein lachend sagte, renoviert. Die Hauptverantwortliche der Erneuerung war eine junge Physiotherapeutin, sie wurde zu seiner Obsession, ja er lebte nur noch für die zwei Stunden, die Kathrin täglich mit ihm verbrachte. Als er dann, als geheilt, die Klinik verliess, war er ihr schon unsterblich verfallen.

Bei ihrem ersten gemeinsamen Essen in einem sehr schönen und guten Restaurant, merkte er –eher unbewusst—dass etwas anders war als zuvor. Was es war wurde ihm in der bald darauf folgenden ersten Liebesnacht bewusst. Sie waren zu dritt im Bett, Kathrin er und das Smartphone. Ja damals in der Klinik war es dem Personal verboten gewesen, ihr Mobiltelefon mit zur Arbeit zu nehmen, aber dann im Restaurant und im Bett war der Blick immer halb aufs Handy gerichtet. Da er keine Dreierbeziehung wollte lebte er nun wieder alleine in seinem grossen Haus, schuld war Martin Cooper, wäre der angeln gegangen statt das diabolische Mobiltelefon zu erfinden wäre er mit Kathrin sicher glücklich geworden.

Dienstag, 22. September 2015

Backpackers

Sind wir nicht alle, wenn wir ein gewisses Alter erreicht  und  „gelebt“, also eine Vergangenheit aufgestaut, haben, mit Backpackern zu vergleichen. Die wirklichen Backpackers tragen ihr Hab und Gut immer mit sich herum, wir anderen haben einen virtuellen Rucksack der uns immer begleitet. Ja, wenn wir neue Menschen kennenlernen, ganz egal in welcher Situation, hat unser Gegenüber genauso wie wir selbst, seine ganze Lebenserfahrung in einem unsichtbaren Rucksack bei sich. Unbefangen ist man in der Kindheit und in den jugendlichen Anfängen des sich Kennenlernens, aber je länger und je intensiver man lebt desto schwerer wird der Rucksack und damit die Annäherung an neue Menschen. Sei‘s nun ,dass man eine neue Arbeit antreten soll oder neue Bekanntschaften macht, immer drückt der virtuelle Rucksack, manchmal nur leicht, oft aber sehr schwer auf unsere seelischen Schultern. Wie, ja wie kann ich für einige Zeit meine Vergangenheit und die—nicht etwa nur schlechten—Erfahrungen einfach vergessen. Man würde so gerne mit neuem Blick an neue Begegnungen herangehen, aber  der Teufel der Erinnerung guckt uns immer über die Schulter. Ja dieser Teufel ist ja auch der Erfinder des Phänomens des „Deja-vu“—des Französischen Wortes dass wohl alle kennen—auch wenn sie mit der Sprache Voltaires nicht vertraut sind.  Sei‘s beim allerersten gemeinsamen Essen mit    ein er/em neuen Partner/in oder bei einem Vorstellungsgespräch mit dem eventuellen neuen Chef, es ist nicht der Schalk sondern die Vergangenheit die einem im Nacken sitzt und bohrende Fragen oder Randbemerkungen in unsere Ohren flüstert. Vermeiden lässt sich dies alles nicht, es bleibt uns nur der Versuch damit luzide umzugehen um weiterhin Freude am Leben zu haben.

Freitag, 18. September 2015

Freundschaftsdienst

Es ist ja schon seit der Antike bekannt, wenn du jemandem einen Dienst erweist, machst du dir einen Feind, weil er sich  in deiner Schuld fühlt. Es ist einfacher mit dem Dienst unzufrieden zu sein als sich zu bedanken. Dazu eine kleine Geschichte, ob sie erlebt oder erfunden ist spielt eigentlich kaum eine Rolle. Es waren einmal zwei Freundinnen, die eine hatte einen Laden, einen Modeladen mit schönen sehr modischen Kleidern. Nennen wir sie Roswitha, ihre Freundin hiss Eveline. Warum diese zwei so unterschiedlichen Frauen befreundet waren hat kaum eine andere ihrer Bekannten und Freundinnen je verstanden. Roswitha  und Eveline verbrachten sehr viel Zeit zusammen in dem Laden, sie schwatzten und tranken Kaffee und diverse Light-Getränke. Kamen Kundinnen in die Boutique so kümmerte sich Roswitha um sie ,meist kauften diese Frauen auch etwas, manchmal reservierten sie aber nur dies oder jenes, um sich Bedenkzeit zu lassen. Ab und zu, aber eher recht selten, wenn sie zum Arzt oder sonst wohin musste, bat Roswitha ihre Freundin den Laden zu hüten. Eveline sagte nie nein, denn insgeheim beneidete sie ihre Freundin um diese schöne Boutique, die sie nur dank ihres Mannes Grosszügigkeit, vor einigen Jahren eingerichtet hatte.        Ja Roswitha hatte alles, einen Mann, zwei Kinder und diese beneidenswert tolle Boutique. Eines schönen Tages fragte Roswitha ihre Freundin ob sie einverstanden wäre, die Boutique für  ein ganzes Jahr zu hüten, denn sie und ihr Mann wollten mit den fast schon erwachsenen Kindern zusammen eine grössere Reise unternehmen—so was wie eine letzte gemeinsame Zeit bevor die Kinder studierten—. Eveline war natürlich Feuer und Flamme und sagte sofort zu. Allerdings musste sie dazu auch die neue Mode für die nächsten Saisons einkaufen. Roswitha erklärte ihr alles und empfahl ihr, den Verkäufern, die sie schon seit Jahren kannte, zu vertrauen was Menge Grössen und Auswahl betraf. Die Familie verreiste und Eveline kümmerte sich um die Boutique. Bald merkte sie, dass die Stammkundinnen kaum je etwas kauften, nein sie reservierten und dann traten sie vom Kauf zurück, dies fast systematisch. Auch kamen immer weniger der Stammkundinnen, die Eveline ja auch vom Sehen her kannte, in den Laden. Es war für Eveline unverständlich und sehr frustrierend. Selbst im Ausverkauf konnte sie nur wenig—vor allem an Laufkundschaft—loswerden. Trotzdem musste sie die neue Kollektion einkaufen. Sie war sicher, dass die von Roswitha gekauften Sachen nicht dem Kundenwunsch entsprachen und so schlug sie die Ratschläge der Verkäufer in den Wind und suchte selbst, nach ihrem Geschmack, aus. Nichts, oder fast nichts der so gut ausgesuchten Sachen brachte Eveline an den Mann, beziehungsweise, richtiger, an die Frau. Als Roswitha, nach  einem Jahr zurückkam, hatte ihr ihre LADENHÜTERIN statt gute Umsatzzahlen nur sehr viele LADENHÜTER zu präsentieren.     Komisch ,dass die Freundschaft danach nicht mehr so richtig innig weiterging.


Mittwoch, 16. September 2015

Vorstellungstermin

Nie zuvor und auch fast vierzig Jahre danach habe ich so etwas gesehen. Es war komisch und erschreckend zugleich, das schwierigste  dabei    war,  selbst das Gesicht zu wahren, während das Gesicht des Protagonisten zerfiel, zerbröckelte und einfror.   
     Ja damals Ende der Siebzigerjahre, ich war seit fünfzehn Jahren schon in der selben Firma im Aussendienst und fühle mich etwa so wie ein altes Möbelstück behandelt, das zwar immer da ist, welches man aber nicht mehr pflegen muss. Als mich dann ein Kollege einer anderen Pharmafirma fragte, ob ich nicht Interessiert wäre mit ihm zusammen in seiner Firma zu arbeiten, entschied ich, mich dort zu bewerben. Der Kollege sagte mir allerdings, er habe schon mehrere Kollegen befragt und diese seien auch schon zu einem Bewerbungsgespräch angetreten, aber er würde alles stoppen, sollte ich mich bewerben, denn er habe mich seit Jahren als kompetenten und beliebten Mitarbeiter kennengelernt und da wir ja zusammenarbeiten würden wäre er froh es mit mir und nicht mit –er nannte mir die anderen Kandidaten—so mittelmässigen. Warum er mehrere Kandidaten angesprochen hatte erfuhr ich erst viel später, ja die Firma zahlte für jeden valablen Kandidaten dreihundert Franken und für den Kandidaten auf den die Wahl fiel zweitausend. Weil nun mein zukünftiger Kollege eine sehr enge Beziehung zum Materiellen hatte, schickte er mehrere Kandidaten nach Basel um sich mehr Geld zu sichern, denn alle waren irgendwie als valabel einzustufen, arbeiteten sie doch seit Langem in anderen Firmen.      

Also ging ich nach Basel zu einem Gespräch, ich wurde von mehreren Personen getestet und dann gefragt, ob ich einverstanden sei, da ich in die engere Wahl komme, zu einer renommierten Psychologin zu gehen. Ich war einverstanden, würzte aber mein Einverständnis mit einem kleinen Psychotest, ja ich bat—um keinen Arbeitsausfall bei meinem jetzigen Arbeitsgeber zu haben— und da es meine Ehrlichkeit nicht zuliess einfach frei zu nehmen, an einem Samstag oder Abends nach Achtzehn Uhr zu diesem Test zu gehen. Dies beindruckte meine eventuell zukünftige Chefin ausserordentlich. Nach absolviertem Test bei einer sehr charmanten älteren Psychologin, die dem Namen nach zum „Basler Daig“ gehörte, wurde ich zu einem finalen Gespräch nach Basel eingeladen, an einem Samstag!! Um zehn Uhr früh fand ich mich in der Firma ein und wurde von der Chefin persönlich abgeholt, weil der Pförtner—der ja sonst samstags nie da sein musste—verspätet kam.  Ihre Psychologische Beurteilung ist sehr positiv sagte mir die Chefin schon im Fahrstuhl in die obere Etage. Man bot mir Kaffee an und fragte mich ob ich die Stelle—zu den schon bekannten sehr guten Konditionen—annehmen wolle. Ich bejahte und unterschrieb sofort den vorbereiteten Vertrag. Innerlich frohlockte ich, da ich mit einem Schlag, nur schon mit dem Grundlohn und den grosszügigen Spesen  etwa fünfundzwanzig Prozent mehr verdienen würde; dazu kamen ja noch—hoffentlich erreichbare— Prämien. Wir, der Personalchef, der Direktor und meine „jetzt“ Chefin plauderten noch angeregt, bis etwa viertel vor elf. Dann verabschiedete ich mich und nahm den Lift zum Ausgang.  Als  der Fahrstuhl sich öffnete stand ein Kollege, den ich natürlich seit Jahren kannte, vor der  Tür. Als er mich sah und erkannte fror sein Lächeln ein   und dann wurde sein Gesicht  plötzlich wie versteinert und er sagte. Du bist also der andere in der Endrunde, dann ist es ja für mich gelaufen, ich muss gar nicht mehr   hinaufgehen.  Ich versuchte ihn zu beruhigen, sagte nicht dass ich unterschrieben habe und wollte mich verabschieden. Aber er klammerte sich an mich und  sagte, dass meine absolute Zweisprachigkeit sicherlich ein grosser Vorteil sei.                                                              Ich liess ihn in diesem Glauben und schützte Beschäftigung vor, als er mich bat, doch auf ihn zu warten.          

Montag, 14. September 2015

Dissoziiertes Paar

Nein, so wollte er nicht weiterleben, so nicht mit dieser zwar sehr hübschen aber stinklangweiligen Regula. Schon ihr Name, sie verabscheute Kosenamen, war ihm mit der Zeit zuwider geworden, er fand—sagte es ihr aber nie—das töne nach Regelblutung. Und eben, Regelblutung, Kopfschmerz, Rückenbeschwerden, Völlegefühl einfach alles war bei Regula Ausrede um keine Zärtlichkeiten ertragen zu müssen. Wenn Regula ab und zu doch einwilligte den—wie sie sagte—Beischlaf zu akzeptieren, hatte er das Gefühl mit einer Puppe oder gar mit einer Schlafenden zusammen zu sein. Regula war sexuell langweilig und absolut phantasielos. Sie liess es wie eine Naturkatastrophe über sich ergehen. Zwar waren sie schon bald sieben Jahre zusammen aber Regula wurde immer langweiliger, das Einzige was ihr Freude zu machen schien war Shoppen. Oliver ging immer öfter allein aus, mal ins Kino—Regula mochte nur honigsüsse Liebesschnulzen—mal mit den Kollegen ins Stammlokal, auch fing er wieder an ein wenig Sport zu machen. Ein grosser Sportler war er nie gewesen aber ein wenig Bewegung konnte ja nichts schaden. Er brachte, nach vielen Jahren sein altes Fahrrad wieder in Schuss und kaufte sich einen Helm, so etwas schien heutzutage üblich zu sein. An diesem Samstag nun fuhr er schon sehr früh, als Regula noch schlief, um eine Radtour rund um den kleinen Greifensee zu machen. Noch vor sieben Uhr sah er eine Radfahrerin am Wegrand die dabei war ihren kaputten Reifen zu wechseln. Ganz Gentlemen hielt er und bot seine Hilfe an, lachend sagte die Fahrerin, solche Galanterien, dachte sie, gebe es schon lange nicht mehr. Renate—so hiess sie, wurde aber nur Renni genannt—und Oliver kamen ins Gespräch. Renni war etwa fünfzehn Jahre älter als Oli, sie war absolut durchtrainiert, kein Gramm, nicht mal ein Milligramm Fett war auf ihrem drahtigen Körper auszumachen. Warum Renni „Renni“ genannt wurde merkte Oli beim gemeinsamen weiterfahren. Renni schwatzte lustig darauf los während Oli ausser Atem strampelte was das Zeug hergab und dabei immer mehr zurückfiel. Renni wartete und gab sich viel Mühe l a n g s a m e r zu treten. Im Restaurant beim Fischessen kamen sie sich näher. Oli fragte, ob sie alles so intensiv mache, die Antwort war klar und deutlich. Ja wenn du das wissen willst, musst du schon zu mir kommen, dann zeige ich dir, dass nicht nur Sport meine Zeit ausfüllt. So eine Sex(plosion) hatte er in seinem ganzen Leben noch nie erlebt. Im Bett—was heisst hier Bett—es war in der ganzen Wohnung überall und ohne irgendwelche Tabus….einfach irreal, Renni war überwältigend. Renni machte bei vielen Sportereignissen mit, Marathon, Ironman, Radrennen einfach alles was viel Energie brauchte, auch merkte Oli ,dass Renni sehr viel ass aber durch den Sport ihr Gewicht und ihre Muskeln total kontrollierte.
Genauso apathisch wie sie in der Beziehung gewesen war nahm Regula die Trennung hin, als hätte sie in all den Jahren nichts für Oli empfunden. Renni und Oli wurden ein Paar, bald schon zog Oli bei Renate ein, gross genug war das Haus und die Wohnung ja, da ihr Exmann damals als sie aus einem Trainingslager zurückgekommen waren, nur seine Klamotten und einige Bücher mitgenommen hatte und sich damit aus dem Staub gemacht hatte. Selbst zur Scheidung war er nicht aus Argentinien, wo er nun lebte, zurückgekommen. Als sie zusammengekommen waren war Oli  knapp fünfunddreissig Renni also einundfünfzig. Jahrelang akzeptierte Oli, jede freie Minute mit Renni zusammen sportlich aktiv zu sein, Renni war in dieser Beziehung fast unersättlich auch ihr Liebesleben wurde immer intensiver, was Oli mit der Zeit Probleme bescherte. Jahre später, als er sich einmal über zu viel Sex beklagte  musste er sich anhören, „glaubst du ich habe einen viel jüngeren Mann genommen um sexuell zu darben“?  und fand am nächsten Abend eine grosse Packung Potenzpillen neben seinem Abendbrotteller als sie beide von einem Waldlauf zurück nach Hause kehrten. Und jetzt sann Oli wie er es vermeiden könnte  wenigstens an diesem Wochenende nicht erneut mit dem Schlauchboot über Stromschnellen fahren zu müssen. Als sie Freitags zu später Stunde, beide mit Fahrrädern, Anhänger und der ganzen Campingausrüstung sowie dem Schlauchboot an ihrem Geheimort in den Bergen am reissenden Fluss angekommen und ihr kleines Camp aufgebaut hatten wollte Renni das Boot aufblasen. Wo ist die Pumpe, fragte sie recht unwirsch. Ja hast du sie denn nicht, wie immer, in deinen Anhänger gepackt antwortete Oli scheinheilig, die ist doch immer in deinem Wagen. Er hatte die Pumpe, als Renni noch mal schnell Pipi machte aus dem Anhänger entfernt und an ihren Aufbewahrungsort zurückgetan. Der Ventilansatz der Fahrradpumpen war viel zu klein um damit das Boot aufzupumpen und die nächstgelegene Garage weit genug entfernt sodass eine Fahrt dahin keinen Sinn machte. Das ganze hatte auch noch einen kleinen, für Oli sehr schönen, Nebeneffekt, da Renni sauer war, schlief sie –was nur selten passierte—ohne Sex ein.  Nirgendswo war am Samstag eine Pumpe aufzutreiben, dies brachte Renni dazu auszuflippen. Nun in ihrer unkontrollierten Wut kam ihr Alter voll zur Geltung, der Charme war gebrochen und Oli musste sich auf die Schnelle eine neue Bleibe suchen.         

Sonntag, 13. September 2015

Traumgarderobe

Lothar hatte eine recht grosse Wohnung. Er hatte es sich so eingerichtet, dass er viele verschiedene Schränke besass .Der Grund dafür war, sein Gewicht. Ja es schwankte sehr, ging rauf, dann wieder runter und wieder rauf so wie es allen Menschen mit Gewichtsproblemen bekannt sein dürfte; ausser jenen, denen es ganz egal ist zuzunehmen, die also kein Gewichtsproblem haben und die auch nie den Versuch—sich schlankzuhungern—unternehmen. Bei Lothar war das ganz anders, jedes Mal wenn er einen neuen „Freund“ hatte fing er eine strenge Diät an, je intensiver das Liebesverhältnis war, desto schneller purzelten die Pfunde. Wie so oft bei schwulen Paaren setzte die Promiskuität, manch grosser Liebe wenn nicht ein Ende, so doch einen Dämpfer , oder gar eine  Unterbrechung  der Beziehung, auf. War Lothar schuldig an dieser „Liebespause“ hatte also was Neues in (L)(P)etto, ging alles seinen gewohnten Weg, er blieb Gewichtsstabil war aber der Freund Schuld an der Liebespause oder –noch schlimmer—am Liebesende tröstete sich Lothar, indem er –bildliche gesagt—im Kühlschrank lebte und in wenigen Wochen mehr zulegte als er je zuvor verloren hatte. Dies war nun schon seit vielen Jahren so und das erklärt die vielen Schränke.   Ja jeder Schrank war, nicht etwa einer bestimmten Moderichtung zugedacht, nein einer bestimmten Kleidergrösse. 50,52,54,56,58,60 waren die Schränke, virtuell, angeschrieben. Mäntel, Anzüge Jacken Hosen Hemden Pullis und auch Leibwäsche befanden sich fein geordnet im jeweils passenden Schank. Als grossen Trost empfand Lothar, dass Schuhe und Socken  n i c h t  in den Schränken aufbewahrt werden mussten, dies war eine, beziehungsweise zwei, Sorgen weniger. Jeder neue Liebhaber fragte selbstverständlich nach diesen Schränken—die natürlich nicht mit den Kleidergrössen angeschrieben waren—dazu war Lothar viel zu eitel. Einmal, als Lothar einen süssen jungen neuen Liebhaber gefunden und zu sich nach Hause abgeschleppt hatte, sie ein ganzes Wochenende lang kaum aus dem Schlafzimmer gekommen waren, kam der Zeitpunkt wo der Süsse die grosse Wohnung inspizieren wollte. Stolz zeigte Lothar alles was er besass, auch die Schränke, dies sogar mit Erklärung. Siehst du, mein Liebling, wenn ich so glücklich wie mit die bin purzeln die zu vielen Pfunde einfach weg und schon bald kann ich die nächst kleinere Garderobe wieder anziehen; und diesen Schrank mit der kleinsten Grösse brauche ich, wenn wir zwei, mein Süsser, ein Jahr Zusammensein feiern, dann laden wir alle Freunde ein und feiern meine jugendliche schlanke Figur. Du träumst wohl, sagte der süsse Liebhaber, dabei dachte er an  die Beziehung, Lothar dachte an Grösse 50  !  Seit diesem Liebeswochenende, das leider nicht wiederholt wurde, nennt Lothar seine Reserveschränke „meine Traumgarderobe“